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Alt, krank, hilflos, arm. Wer sorgt sich um mich?
geschrieben von Robert Wolf, 11. Januar 2011

Betrifft sie nicht? Wie alt sind sie? 20? 30? 40? Wenn ihnen die Entwicklung egal ist, dann wohl auch, ob wir uns irgendwann im Städtischen Alten- und Armenhaus die Matratze teilen müssen

Der Pflegenotstand ist da. Das leugnet nicht einmal Bundesgesundheitsminister Philip Rösler. Nur nutzt der Wirtschafstliberale unsere berechtigte Angst vorm alt sein, um uns auf eine neue „freiwillige“ Zusatzversicherung einzustimmen. Ein Finanzprodukt das weniger der Masse als den Shareholdern und Lobbyisten der Bank- und Versicherungskonzerne ein Altsein in Würde sichert.
Röslers Teamgefährtin Ursula von der Leyen hat parallel dazu das Fehlen von 50.000 Kräften in den Pflegeberufen beklagt. Was übrigens nur ein Teil des wirklichen Bedarfs ist, dafür aber ziemlich genau der eingesparten „Humanmasse“ bei der Rationalisierung der mächtigen Gesundheitswirtschaft entspricht. Ihr Vorwurf, es würde zu wenig ausgebildet, fragt nicht nach den Verursachern, nicht danach, wer aus diesem einst öffentlichen Gesundheitswesen ein Menschen verachtendes Cashbusiness gemacht hat. Und mischt sich der Ruf nach ausländischen Fachkräften etwa schon mit Vorfreude? Schließlich dürfen ab Mai die Lohndumping-Brigaden aus Europas Armenhaus wie Rumänien und Bulgarien für ein paar Cent pro Stunde unserem schon angegriffenen Pflegeniveau und gleichzeitig der Infrastruktur ihrer Heimatländer den Todesstoss versetzen. Schon jetzt, noch mit unersetzbaren Zivis, sieht’s so aus:

Aus dem Dienst am Menschen ist eine „goldene Käfighaltung“ geworden

Berufsbild Pflege: Schlechte Bezahlung, Schichtdienst, 7-Tage-Woche, „einspringen“, (unbezahlte) Überstunden, die Seele mit Schicksalen, Krankheit und Tod belastet. Ein Druck, der Schäden hinterlässt und oft zu vorzeitigem (Berufs-) Ende führt.
Der Wachstumsmarkt Pflege hat in den letzten Jahren neue Häuser, neue Stationen, viel Technik, Luxus auf der einen und genormte, messbare und dokumentierbare Pflegeeinheiten auf der anderen Seite gebracht. Gepflegt wird nach Schema, nicht individuell. Es wird gemessen, geprüft und bewertet. „Alles ist gut“ sagen die Patienten. Was sollen sie auch sonst sagen? Fragt man aufrichtig nach Respekt, Würde oder gar Wärme?

Gute Pflege wird zum Privileg der Wohlhabenden. Die Grundversorgung der Armen dagegen bald zur Verwahrung, bestenfalls. Schließlich zählt im Gesundheitswesen nicht mehr Moral und Nächstenliebe, sondern Rendite. Die Gegenwart ist trübe, die Zukunft düster. Trotzdem Prinzip Hoffnung? Tut sich wenigstens etwas auf der Selbsthilfeebene?
Schön, dass wir einen äußerst aktiven Experten auf dem Gebiet, den Neusser Referenten und Autor Werner Schell, Vorsitzender des bundesweit agierenden Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk, einige Fragen stellen dürfen.

Herr Schell, in kurzen Worten, was tun Sie und für wen?

Ich bin seit Jahrzehnten ehrenamtlich in der Patientenschutzbewegung aktiv, stehe pflegebedürftigen Menschen mit Rat und Tat bei, um eine angemessene Versorgung und Pflege zu gewährleisten. Nach Einführung der Pflegeversicherung traten Pflegeprobleme in den Einrichtungen immer mehr ins Blickfeld. Daher habe ich das unabhängige, gemeinnützige Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk gegründet, um mit Gleichgesinnten gezielt helfen, unterstützen, aber vor allem pflegepolitisch Verbesserungen einfordern zu können. Wir haben umfangreiche Vorschläge erarbeitet, und wollen nun mit möglichst breiter Unterstützung die Ansprüche hilfe- und pflegebedürftiger Menschen geltend machen. Im Rhein-Kreis Neuss bin ich im übrigen in der Gesundheitskonferenz und im Arbeitskreis Demenz eingebunden.

Wie sind sie zu dieser Aufgabe gekommen?

Als Landesbeamter im Medizinaldezernat bei der Bezirksregierung Aachen habe ich mich mit Angelegenheiten des Pflege- und Patientenrechts befasst und kam so mit vielfältigen problematischen Situationen in Kontakt. Eine zusätzliche Lehrtätigkeit in Rechtskunde an Krankenpflegeschulen und Weiterbildungseinrichtungen brachte mir das Berufsfeld der Pflegekräfte näher. So kam es zu zahlreichen Buchveröffentlichungen, vor allem zum Pflege- und Patientenrecht. Mit diesen Kenntnissen und praktischen Erfahrungen liegt es auf der Hand, Ratsuchenden in Form ehrenamtlicher Unterstützung beizustehen.

Was sehen sie gegenwärtig als ihre wichtigste Aufgabe an?

Obwohl ich immer noch in der Lehre eingebunden bin und darüber hinaus Vorträge zum Patientenrecht, speziell zu Vorsorgevollmacht, Patientenverfügung und betreuungsrechtlichen Fragen halte, bin ich hauptsächlich als Vorstand vom Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk gefordert: Wir verstehen uns als Lobby (Interessenvertretung) für pflegebedürftige und behinderte Menschen (Patienten) bzw. ihrer Rechtsvertreter/(pflegenden) Angehörigen. Die Selbsthilfe, die Unterstützung bzw. Veranlassung von entsprechenden Selbsthilfeaktivitäten nimmt einen herausragenden Stellenwert ein. Regelmäßige Pflegetreffs, Gesprächskreise und sonstige Gruppentreffen, sind eine wichtige Aufgabe. Die demografische Entwicklung erfordert einen stetig wachsenden Hilfe- und Unterstützungsbedarf für Demenzkranke. Das Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk tritt für eine deutliche Verbesserung der Pflege-Stellenpläne in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen ein, denn nur eine ausreichende Zahl von Pflege(fach)- und Betreuungskräften kann die allseits gewünschte Zuwendung und Begleitung in schwierigen Situationen (z.B. palliativmedizinisch/pflegerische Betreuung, Sterbebegleitung) gewährleisten.

Eugen Brysch, Vorsitzender der Deutschen Hospizstiftung, hat unlängst in einem TV-Interview für moderne Pflege sinngemäß folgendes Beispiel gegeben: Ein Patient stürzt auf Grund dünner Personaldecke. Resultat: Oberschenkelhalsbruch. Eine Win-Win-Situation: 1. Personalkosten gespart, 2. leeres Bett abrechenbar und 3. Profit fürs Krankenhaus generiert. Ist das zynisch?

Herr Brysch redet seit einiger Zeit mit pauschaler Kritik bzw. Polemik die Pflegeeinrichtungen über Gebühr schlecht. Die Kritik wird letztlich an den Pflegekräften fest gemacht, was sie nicht verdient haben. Wertschätzung und Anerkennung für die Pflegekräfte sieht anders aus!
Tatsächlich sind die vielfach in den Medien publizierten Pflegemängel nicht Fehlleistungen einzelner Personen, sondern vornehmlich systemisch angelegte Folgen desolater Pflege-Rahmenbedingungen. Insoweit liegt die Hauptverantwortung beim Gesetzgeber. Wir müssen die wirklichen Probleme aufzeigen und für vernünftige Reformen eintreten. Tatsache ist nämlich, dass es bereits seit geraumer Zeit eine völlig unzureichende Ausstattung der Pflegeeinrichtungen mit Pflegepersonal gibt. Es werden aufgrund der Gesetzes- und Vertragslage nur Stellenschlüssel umgesetzt, die den Bedürfnissen der hilfe- und pflegebedürftigen Menschen in keiner Weise gerecht werden.
Entsprechende Folgen liegen auf der Hand. U. a. gefährdet die mangelhafte Zuwendung Patienten und Pflegebedürftige, während die überlasteten Pflegekräfte nicht selten frühzeitig aus dem Beruf flüchten (müssen). Wer als Pflegekraft bleibt, steht unter immensem Arbeitsdruck und nimmt früher oder später gesundheitlichen Schaden.
Übrigens hat der Bundesgerichtshof bereits in mehreren Schadensersatzprozessen ausgeführt, dass sich Sturzverletzungen und ähnliche Schädigungen bei der unzureichenden sachlichen und personellen Ausstattung der Pflegeeinrichtungen nicht vermeiden lassen und den betroffenen Einrichtungen und Personen kein Vorwurf zu machen ist. Es geht letztlich auch immer um die Frage, wie viel Fürsorge geboten ist und in welchem Umfange unter Umständen Einschränkungen der Freiheit, der Selbstbestimmung, geboten sind. Schwierige Fragestellungen, die sich pauschaler Be- und Verurteilung entziehen.

Herr Schell, was muss sich zukünftig tun?

Die Pflegesysteme erfordern dringend eine Reform an „Haupt und Gliedern“. Der bereits vorhandene Pflegenotstand und die demografische Entwicklung mit einer dramatisch anwachsenden Zahl pflegebedürftiger Menschen erfordern zusätzliche Reformanstrengungen. Vordringlich sind Maßnahmen, die den Pflegenotstand aufheben; z.B. durch Schaffung von bundesweit geltenden Personalbemessungssystemen, entsprechende Stellenausweitungen in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen und Start einer Ausbildungs- und Einstellungsoffensive. Pflegekräfte müssen besser bezahlt werden. Nur so kann die vielfach angesprochene Wertschätzung und Anerkennung für die Pflege zum Ausdruck gebracht werden. Wer die Pflegekräfte in diesem Sinne gut behandelt, muss sich weder heute noch in den nächsten Jahren über einen Mangel an Pflegefachkräften beklagen. Dann ist der Ruf nach entsprechenden Fachkräften aus dem Ausland entbehrlich. Pflegekräfte mit mangelnden Sprachkenntnissen sind problematisch. In der Pflege, vor allem Demenzkranker, kommt es nämlich auf eine gute Kommunikation an. Und die ist bei Dienstkräften aus dem Ausland nicht immer gewährleistet.
Die Pflegesysteme werden in der Zukunft erheblich mehr Finanzausstattung benötigen. Die zusätzlichen Beitragslasten müssen allerdings nach Meinung von Pro Pflege – Selbsthilfenetzwerk solidarisch finanziert werden.

Quelle: Zeitschrift Der Neusser - Ausgabe 01-2011
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